LIBYEN 1997-1999

„Die Wüste, das ist eine tiefe und absolute Leidenschaft….“

Seit wenigen Jahren erst erteilt die „Great Socialist People’s Libyan Arab Jamahiriya“ (Selbstbezeichnung des Landes) wieder Visa an Touristen. Aus der Berichterstattung unserer Medien wissen wir wenig und dann nur Negatives über dieses Land – kaum verwunderlich also die Reaktion unserer Familien, Freunde und Kollegen, als wir unser diesjähriges Urlaubsziel bekanntgaben: Libyen! Von wohlmeinenden Ratschlägen bis zum völligen Unverständnis und Entsetzen reichte die Palette der Reaktionen, und so war unsere Abenteuerlust doch etwas gedämpft. Zweifel und ein wenig Ungewissheit schlichen sich ein.

Zunächst aber heißt unser Ziel Djerba in Tunesien. Das von den USA initiierte UN-Embargo verhindert, dass Libyen auf dem Luftweg erreichbar ist. Also verbringen wir eine Nacht auf Djerba, um am nächsten Morgen die libysche Grenze bei Ras Ajdir zu überschreiten. Dies ist durchaus im wörtlichen Sinn zu verstehen, wir müssen den libyschen Bus auf tunesischer Seite verlassen und dürfen erst wieder auf libyscher Seite einsteigen. In Libyen herrscht striktes Alkoholverbot, und die Kontrolle des Gepäcks dient in erster Linie der Suche nach geschmuggeltem Alkohol.

Libyen umfasst eine Fläche von 1,8 Millionen Quadratkilometer, wovon über 90 Prozent aus Wüste bestehen. In diesem riesigen Land sind auch unsere Tagesetappen enorm, und so liegen mehr als 4000 Kilometer Wegstrecke vor uns, die uns durch Dünengebiete, Steinwüste, Vulkangebiete, Gebirge und Ebenen führen werden. Kurz nur halten wir uns in der Küstenregion auf, nach einer knappen Besichtigung der Hauptstadt Tripolis fahren wir auf gut ausgebauten Straßen in Richtung Süden.

Ghadames – das Tor zur Wüste Der alte Kasr (Burg) von Nalut, eine ehemalige Berbersiedlung, liegt auf unserem Weg. Wir bewundern die wabenartig übereinander gebauten Wohnungen und Vorratskammern. Gegen Abends erreichen wir Ghadames an der algerisch-tunesisch-libyschen Grenze, seit undenklichen Zeiten Drehscheibe des Karawanenhandels und bereits den alten Römern bekannt. Die jetzt unbewohnte Altstadt wurde von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt und hat eine Ausstrahlung, die man als mystisch bezeichnen könnte. Ins warme Licht des Spätnachmittags gehüllt, ragen unzählige Zinnen bizarr geformter Häuser in den wolkenlosen Himmel. Schattige Versammlungsplätze, dunkle Gänge und Palmgärten regen die Phantasie an, und leicht gelingt es, sich hier in frühere Jahrhunderte zurückzuversetzen und das geschäftige Treiben bei der Ankunft einer Karawane wiedererstehen zu lassen.

Nun beginnt das Abenteuer Schnurgerade nach Osten führt nun unser Weg durch die Steinwüste Hamada al Hamra, um nach mehr als 400 Kilometern in fast rechtem Winkel nach Süden abzuzweigen. Die Straße ähnelt, was die Breite betrifft, eher einer Flugzeugpiste. Ihre „Fahrzeugauslastung“ ist jedoch so, dass unsere libyschen Begleiter in aller Ruhe ihre Vormittagszigarette mitten auf der Straße sitzend genießen. Wir fahren stundenlang durch ebenes Gelände, ohne einem anderen Fahrzeug zu begegnen. Schließlich, als wir uns Sebha, der Hauptstadt des libyschen Südens nähern, erblicken wir endlich das, was der Europäer im Allgemeinen unter ‚Wüste‘ versteht: wir durchqueren die Ausläufer der Azallaf Sanddünen. Nur 20 Prozent der Sahra bestehen aus Sandwüsten, der Rest hingegen wird durch Steinwüsten gebildet. Aber auch die Steinwüste kann ein äußerst abwechslungsreiches Bild bieten. Kalkweißes, rötlich-braunes oder schwarzes Gestein, gebirgig oder flache Ebenen. Hin und wieder passieren wir Checkpoints der Polizei – ob diese Posten hier mit Leuten besetzt sind, die auf „Strafstation“ sind? Die Kontrollen unserer Gruppe sind problemlos und rasch – unsere libyschen Begleiter haben einen Stapel an Fotokopien mit allen unseren Daten mit, ein Exemplar wird durch das Seitenfenster gereicht, und schon kann die Fahrt weitergehen. Als Privatreisender hat man es viel schwerer, dann müssen die Personalien von Hand in ein Buch eingetragen werden, was mitunter längere Zeit in Anspruch nehmen kann. Ungeduld ist in einer solchen Umgebung nicht angebracht. Die Polizeikontrollen sind auch der Grund, warum eine arabische Übersetzung des Reisepasses vorgeschrieben ist: viele der Polizisten können die lateinische Schrift nicht lesen.

Sebha, die Hauptstadt des Fezzan – des libyschen Südens – ist aus sieben Oasen hervorgegangen und bringt uns noch einmal den Luxus einer Hotelübernachtung. Am Morgen erwarten uns unsere Geländeautos vor dem Hotel – bis jetzt waren wir mit zwei Kleinbussen unterwegs, und das geschäftige Treiben rund um unsere Autos erinnert an einen Expeditionsaufbruch. Wasser- und Benzinkanister, Essenvorräte und unser Gepäck werden in den vier Jeeps sowie im Pick-up, der als Küchenfahrzeug dient, verladen. Für Wüstenfahrten gilt ein eisernes Gesetz: Jedes Fahrzeug muss autark sein, das heißt, ausreichend Benzin- und Wasservorräte für den Notfall mitführen. Die Fahrer kennen die Fahrtstrecken zwar in bewundernswerter Weise - sie orientieren sich ohne Kompass und ohne Satellitennavigationssystem, sie führen auch kein Funkgerät mit – aber wir hören von Leuten, die diese Regel nicht beachteten, sich verirrten und schließlich verdursteten. Bestens ausgerüstet, mit einer eigenen Tankstelle in Form von 160 Litern Benzin auf dem Dach jedes Autos, erfolgt schließlich der eigentliche Aufbruch ins Wüstenabenteuer. Ein kurzer Zwischenstopp bei einem Kamelmarkt in Sebha bringt uns erstmals in näheren Kontakt mit der Bevölkerung. Eine sympathische Ursprünglichkeit, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft, gepaart mit einer großen Zurückhaltung dem Touristen gegenüber, prägt die libysche Bevölkerung. Die jahrelange Isolation des Landes hat die traditionellen Formen der Gastfreundschaft erhalten, die Menschen sind unberührt vom Massentourismus, und die Hilfsbereitschaft ist zutiefst ehrlich, das Interesse am – noch – seltenen Gast aus Europa ist groß und ohne jeglichen Hintergedanken. Die Aufmerksamkeit uns Gästen gegenüber wurde vom libyschen Veranstalter an unserem ersten Abend in Worte gefasst, und wir haben es unterwegs oft und oft erlebt: „Sie sollen sich in unserem Land nie als Touristen fühlen. Sie sind unsere Gäste!“ Als Omar, unserem Reiseleiter und Koch, beispielsweise auffällt, dass jemand aus unserer Gruppe Vegetarier ist, bereitet er stillschweigend zu jeder Mahlzeit ein Extramenü.

Bewässerungsprojekte sind der Ehrgeiz des Landes. Der Great Main Made River gilt als das größte Bauvorhaben der Erde und leitet Grundwasser aus Wüstengebieten im Fezzan durch Rohre mit einem Durchmesser von 4 Metern mehr als 1000 Kilometer weit bis zur Mittelmeerküste, um dort landwirtschaftliche Projekte zu bewässern. Ein bescheidenes Bewässerungsprojekt sehen wir im Badi Barjuj. Fast könnte man glauben, eine Fata Morgana vor sich zu haben: Wir stehen am Rande eines Gerstenfeldes mitten in der Sandwüste! Auf Satellitenaufnahmen sehen diese Felder aus, als wären sie mit einem Zirkel gezogen – kreisrund hebt sich das Grün des jungen Getreides ab vom rötlich-gelblichen Farbton des Sandes. Der Radius des Bewässerungsarmes misst exakt 50 Meter.

Eintauchen in die Wüste Wir sammeln Holz für das abendliche Lagerfeuer und dann zeigen unsere Fahrer, was in ihnen steckt. Mit atemberaubender Geschwindigkeit fahren wir in das Dünengebiet der Murzuq-Sanddünen ein, erklimmen Dünenkämme mit Vollgas, um jenseits umso bedächtiger bergab zu fahren. Wie könnte man je beschreiben, welche Gefühle und Empfindungen dabei hochkommen? Selbst erleben – das ist der einzige Rat, den man geben kann! Inmitten von Sanddünen errichten wir im Licht der untergehenden Sonne unser Zeltlager. Um der Geschäftigkeit der Gruppe zu entkommen, muss man nur den nächsten Dünenkamm überwinden und schon glaubt man sich allein auf dieser weiten Welt. Die Stille summt in den Ohren, die Schönheit der Wüste nimmt den Atem und im Einklang mit sich und dieser Natur scheint der Rest der Welt nur mehr ein Trugbild zu sein.

Spät am Abend kommen die Erinnerungen aus Jugendtagen hoch. Das Bild, das sich uns hier bietet, scheint aus einem Karl-May-Roman zu stammen: im Licht des flackernden Feuers sitzen unser Fahrer – alle Tuareg - mit ihren hellen, langen Kleidern und weißen „Schesch“ (3 Meter langer, weißer Stoff, kunstgerecht um den Kopf gewickelt, als Sonnen-, Sand- und Fliegenschutz auch von uns geschätzt) im Kreis und erzählen Geschichten. Übervoll mit den Eindrücken des heutigen Tages ziehen wir uns schließlich in unsere Zelte zurück und lauschen dem Wind, der an den Zeltwänden rüttelt, solange bis die Müdigkeit über unsere Gedanken siegt.

Am nächsten Morgen rumpeln unsere Jeeps über steinige Pisten und durch ein Basalfeld zum von Akazien gesäumten Wadi Methandous, berühmt für seine Felsgravuren, die bis zu 8000 Jahre an sich vorbeiziehen sahen. Elefanten, Antilopen, Krokodile, Büffel und Giraffen zeugen von der einstigen Fruchtbarkeit dieser Gegend. Die Gravuren befinden sich an der Nordseite des Wadis. Nach den langen Autostrecken der letzten Tage ist es eine wahre Wohltat, dieses Wadi zu durchwandern und dabei immer wieder neue Gravuren an den Felswänden zu entdecken.

Während seiner Herrschaft in Nordafrika führte das antike Rom mehrere Feldzüge gegen das Reich der Garamanten, das bereits seit 1500 v.Chr. bestand und dessen Hauptstadt Germa war. Welche unendliche Wegstrecke durch Wüstengebiete mussten die römischen Soldaten zu Fuß zurücklegen! Über den Stamm der Garamanten schreibt schon Herodot in seinen „Historien“: „Südlich der Syrte, also in der Gegend, wo die wilden Tiere sind, wohnen die Garamanten, die jeden Menschen und Verkehr fliehen. Sie besitzen keine Kriegswaffen und verstehen auch nicht, sich zu verteidigen.“ Wir besichtigen die ausgegrabenen Ruinen der ehemaligen Hauptstadt. Halb verdorrte Palmen, deren Lebenssaft am Versiegen ist, ragen zwischen den Ruinen hervor, deren genaues Alter niemand kennt. Die Luft flimmert in der Mittagshitze und die Stimmung, die über dem Ruinenfeld liegt, hat einen eigenartig morbiden Charakter.

Seen im Sandmeer Nach der Übernachtung in der Jugendherberge von Al Fjej bringt uns der siebente Reisetag zu einem der absoluten Höhepunkte dieser Reise: zum Mandara-Seengebiet in den Dünen von Ubari. Die genaue Anzahl dieser Seen ist selbst im Satellitenzeitalter noch unbekannt, die Angaben schwanken zwischen 10 und 16, dies dürfte aber durch die Tatsache erklärbar sein, dass ihr Wassergehalt vom Grundwasserspiegel abhängt. Daher kann es zu einer jahreszeitlich bedingten Austrocknung mancher Seen kommen. Die Bilder von den Mandaraseen kennen wir von unseren Reiseprogrammen – sie waren es, die uns zu dieser Reise angeregt haben -, und doch verschlägt es uns die Sprache, als wir nach eineinhalbstündiger Fahrt durch die Sanddünen den Gabrounsee vor uns erblicken. Der Anblick dieser Bilderbuchoase ist wahrhaft atemberaubend: Ein ovaler, tiefblauer See, umgeben von einem dichten Schilfgürtel, gesäumt von Palmen liegt eingebettet in die mächtige, rötlichgelbe Dünenlandschaft ringsherum, die ihr Spiegelbild goldfarben auf die Oberflache des Sees wirft – eine Harmonie und Schönheit, bei der sämtliche Beschreibungsversuche fehlschlagen. Nach einer anstrengenden Wanderung auf die hohen Dünen lädt der See zum Baden ein. Der Salzgehalt ist sehr hoch und das Wasser trägt auch ohne Schwimmbewegungen.

Der Mandarasee, der diesem Gebiet den Namen gegeben hat, ist teilweise ausgetrocknet, die Salzkrusten bilden schollige Muster am Grund. Heiße Quellen sprudeln an einigen Stellen hervor. Die Fahrtstrecken zwischen den Seen sind kurz, aber abenteuerlich. Hohe Querdünen gilt es zu überwinden, hier und das bleibt einer unserer Geländewagen stecken, dann heißt es, den Fahrzeugboden freizuschaufeln. Hin und wieder überwinden wir eine Düne auch zu Fuß. Im Übrigen zählt das erhebende Gefühl, im weichen Wüstensand eine Düne abwärts zu laufen, zu den unvergesslichen Erlebnissen dieser Reise. Wenn eine Bewertung der Schönheit dieser Seen überhaupt erlaubt wäre, so müsste man den „Umm al Maa“ sicher als den schönsten bezeichnen. Der Name bedeutet „Mutter des Wassers“ und obwohl unaufhörlich Sand von den umliegenden Dünen in den See rieselt, trocknet er nie aus.

Schweren Herzens verlassen wir das Seengebiet von Ubari, unser Weg führt uns weiter nach Murzuq. Die Oase Murzuq war durch Jahrhunderte ein Zentrum des Karawanenhandels, bedeutendster Sklavenmarkt der Sahara und in türkischer Zeit Verwaltungszentrum des Fezzan. Die Forschungsreisenden der vergangenen Jahrhunderte wie Friedrich Hornemann, Gustav Nachtigal und Heinrich Barth sind hier durchgezogen und berichten in ihren Schriften von ihren Aufenthalten in Murzuq. Mit Ausnahme des alten Forts, in dem ein Museum eingerichtet wurde, zeugt heute nichts mehr von der einstigen Bedeutung dieser Stadt, die auf uns eher einen verschlafenen Eindruck macht. Touristen haben hier noch Seltenheitswert, und wir werden von den Kindern neugierig und lächelnd beäugt, immer aber aus einer gewissen Entfernung. Kein einziges Mal haben wir auf dieser Reise bettelnde Kinder erlebt, was sonst in manchen anderen nordafrikanischen Ländern zum touristischen Alltag gehört. Am Stadtrand von Murzuq schlagen wir unsere Zelte innerhalb eines Orangenhains auf und werden von unseren libyschen Begleitern – wie jeden Abend – mit einem köstlichen Abendessen verwöhnt.

Weiter geht es in Richtung Südosten, wir passieren Trahin, Umm al Aranib, Zuwayla und erreichen Tmissah: Hier endet die Asphaltstraße, eine Piste führt bis Waw al Kabir. Bei einem Zwischenstopp fühlen wir uns in eine Mondlandschaft versetzt: dunkle, einzeln stehende Basalthügel ragen zwischen gelblichen Sandflächen hervor, der vom Wind aufgewirbelte Sand taucht die schwarzen Basalthügel, die sich bis zum Horizont erstrecken, in einen gelben Nebel. Öfters auf dieser Reise verschwimmt die Grenze zwischen Wirklichkeit und Illusion.

Das achte Weltwunder Die wellige Piste löst sich allmählich in ein Spurengewirr auf und unsere Fahrer brausen mit 100 Stundenkilometern über die festen Sandflächen dahin. Keine Straße, keine Piste schneidet die Landschaft in zwei Teile. Die Welt scheint nur uns zu gehören, kein Fahrzeug und kein Mensch begegnet uns in diesen Tagen. Nach eineinhalb Tagen Fahrt nähern wir uns unserem Etappenziel, dem Wau an Namus. Nach einer langen, ebenen Stein- und Sandwüste ohne jegliche Vegetation ist das Gelände plötzlich voll schwarzer, schlackiger Asche bedeckt. Unsere Landcruiser brausen eine leichte Steigung hinan und dann erblicken wir vor uns das, was der Leipziger Geograph Benjamin Richter als das „achte Weltwunder“ bezeichnet hat: einen riesigen Krater, dessen Wand von weißem Sand bedeckt ist, auf den der Wind mit der Vulkanasche Muster gezeichnet hat, die keine menschliche Phantasie ersinnen kann. Am Boden des Kraters liegen vier Seen, deren Oberflächen in unterschiedlicher Farbe schimmern: rosa, grün und blau – abhängig vom Salzgehalt und von den Algen, die in diesen Gewässern wachsen. Die Seen sind umsäumt von einem dichten Schilfgürtel und das Ganze wird eingerahmt von hohen Palmen, deren Wipfel im Wind fächeln. In der Mitte dieser „Schüssel“ erhebt sich der eigentliche Vulkankegel. Der Wau an Namus verdient wahrhaft das Adjektiv atemberaubend, seinen Namen trägt er allerdings aufgrund einer viel banaleren Tatsache: Wau an Namus heißt übersetzt Mückenkrater und diesem Namen macht er alle Ehre. Erreicht man nämlich den Kratergrund und nähert sich einem der Schilfgürtel, brechen Tausende von Stechmücken hervor und schlagen Eindringlinge in die Flucht. Fast möchte man meinen, die Natur hätte sich hier ein hervorragendes Verteidigungssystem geschaffen, um dieses Wunder unversehrt zu erhalten.

Wüstensöhne Als wir am Morgen des elften Reisetages die Traumlandschaft um den Wau an Namus verlassen, geht die Fahrt unaufhaltsam Richtung Norden. Entlang des Dschebel Al Harjuj al Aswad, einer vulkanischen Basalt- und Lavalandschaft, führt nun der Weg, und gegen Abend erreichen wir ein breites Wadi, in dem wir an einer windgeschützten Stelle unsere Zelte zur letzten Wüstenübernachtung aufschlagen. Ein unbeschreiblich schöner Sternenhimmel wölbt sich über uns, und unser Reiseleiter Omar vergewissert sich, ob wir mit der Wahl dieses „Thousand Star Hotels“ zufrieden wären. Seit Tagen sind wir keiner Menschenseele begegnet. Morgen wird alles anders sein, dann hat uns die Zivilisation wieder. Wehmütig genießen wir ein letztes Mal am Boden sitzend die Köstlichkeiten, die Omar, Akkram und Abdel Meshed für uns zubereitet haben. Spätestens jetzt ist jedoch die Entscheidung gefallen: Wir kommen wieder – inshallah – und schon sind wir dabei, eine Reiseroute für das nächste Jahr zu erstellen.

Als wir am nächsten Tag am frühen Nachmittag Al Fugha erreichen, erwarten uns in einer Oase bereits unsere beiden Kleinbusse. Wir verabschieden die Fahrer der Geländeautos. Als wir bereits weiter Richtung Norden unterwegs sind, überholen sie uns hupend, um noch in unserer Sichtweite die Straße zu verlassen und ihren Weg nach Sebha durch die Wüste anzutreten. Wüstensöhne sind sie geblieben, in der Wüste sind sie zu Hause. Früher wären sie mit Kamelen davongezogen, heute „reiten“ sie Landcruiser. Lange schauen wir ihnen nach, bis sie nur mehr als Punkte am Horizont erkennbar und schließlich aus unserem Gesichtskreis entschwunden sind. Auch wenn es wegen der Sprachbarriere nur eingeschränkte Gesprächsmöglichkeiten gab, haben uns die vergangenen Tage nahe zueinander gebracht. Ihre Offenheit, ihr Gesang am Lagerfeuer abends, ihre kindliche Freude über unser anfängliches Entsetzen über ihren Fahrstil in den Dünen, ihre Hilfsbereitschaft – all das hat sie uns liebenswert gemacht und wird uns fehlen.

Gegen Abend erreichen wir die Stadt Hun. Unsere Busse halten unerwarteter Weise vor einem Hotel, das uns – deren Bedürfnisse mittlerweile doch sehr bescheiden geworden sind – als Inbegriff des Luxus erscheint. Eine Überraschung unseres libyschen Veranstalters, denn im Reiseprogramm war eine weitere Zeltübernachtung vorgesehen. Nachdem sich unser Erstaunen gelegt hat und wir uns gehörige Portionen Sand aus den Haaren gewaschen haben, genießen wir das Abendessen in einer für uns bereits ungewohnt gewordenen Atmosphäre.

Antike Meisterwerke Am Nachmittag des nächsten Tages erreichen wir die Mittelmeerküste und Leptis Magna. Diese am besten erhaltenen römischen Runen der Welt sind in Europa so gut wie unbekannt. Der in Leptis Magna geborene Septimus Severus wurde im Jahr 193 zum römischen Kaiser ernannt und befreite die gesamte Provinz Tripolitanien von Steuerzahlungen. Zu dieser Zeit wurden viele Gebäude errichtet, die in dieser Größenordnung nur noch in Rom zu finden waren. Leptis Magna konnte damals bereits auf eine 1000jährige Geschichte zurückblicken. Im warmen Licht des späten Nachmittags durchstreifen wir das Ruinengelände, das sich über eine riesige Fläche erstreckt. Wieder sind wir völlig allein mit diesen Kunstschätzen, kein anderer Tourist stört unsere Betrachtungen. Das Licht der tiefstehenden Sonne färbt die Sandsteinsäulen in ein dunkles Gelb, das einen starken Kontrast zu dem tiefblauen Meer im Hintergrund bildet.

Sabratha, eine Autostunde westlich von Tripolis, bildet den Endpunkt unserer Reise. Auch diese Stadt kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Von den Phöniziern gegründet, später unter der Herrschaft Karthagos stehend, wurde sie Teil des Drei-Städte-Bundes (Sabratha, Leptis Magna und Oea, das heutige Tripolis). Die Ausgrabungsstätte von Sabratha zählt zu den imposantesten Ruinenstätten der gesamten antiken Welt und wurde von der Unesco als Weltkulturerbe klassifiziert. Die byzantinische Kirche des Justinian beherbergt eines der eindrucksvollsten Mosaike überhaupt. Das besterhaltene römische Amphitheater der Erde findet sich hier mit seinem dreistöckigen Bühnenhaus. Ursprünglich war es ein Geschenk des Kaisers Septimus Severus an die Region, aus welcher er stammte. Alljährlich Anfang September wird in diesem Theater im Rahmen der Feierlichkeiten anlässlich des Revolutionstages ein Folklorefestival veranstaltet.

Am letzten Abend dieser Reise, den wir in Sabratha verbringen, dürfen wir noch ein letztes Mal die Gastfreundschaft unserer neuen libyschen Freunde genießen. Ja, wir haben Freundschaft geschlossen mit diesem Land und seinen Bewohnern – und wir möchten wiederkommen!

Dieser Reisebericht erschien als von mir verfasster Artikel in der Zeitschrift „Ärztliches Journal“, Ausgabe 7, 1999.

Leider sind derzeit (2016) aufgrund der politischen Verhältnisse im Land keine touristischen Reisen nach Libyen möglich.