Wo der Pfeffer wächst – Indien

November 2012

9. November 2012:

Von Wien fliege ich über Doha nach Kochi in Kerala/Südindien. Frühmorgens stehe ich dann ziemlich verzweifelt am Flughafen und betrachte die bereits abgeschalteten Gepäckförderbänder. Mein Koffer war leider nicht dabei und das ist gar kein gutes Gefühl: Nach der langen Anreise stehe ich da mit nichts anderem als einem Netbook und einem Fotoapparat in meinem Handgepäck. Wo sich mein Koffer befindet, weiß niemand. Das fängt ja gut an! Immerhin wartet der Abholer des Hotels noch auf mich, schließlich hat es ziemlich lang gedauert, bis ich meinen Verlust anmelden konnte. Auf dem Weg zum Hotel schließe ich gedanklich mit meinem Leben ab: angesichts des Verkehrs und der Art, wie man sich hier fortbewegt, bin ich überzeugt, dass es wohl meine Bestimmung war, mein Leben in Südindien zu beenden. Aber zu meiner Überraschung erreiche ich nach 90 Minuten Fahrtzeit unbeschadet das Hotel.. Am Nachmittag trifft meine Freundin R. ein, die aus dem Nachbarstaat Karnataka kam, wo ihre Heimat ist. Zunächst müssen wir für mich einkaufen gehen, ich würde endlich gerne die Garderobe wechseln. Westliche Kleidung ist hier nicht angesagt, also erstehe ich zwei indische Kleider. Das Abendessen kostet fünf Euro im Hotel und ist dreigängig – und schmeckt ausgezeichnet.

10. November 2012:

Um 6.20 Uhr läutet das Telefon und siehe da: es ist eine Dame vom Flughafen, die mir mitteilt, dass mein Koffer heute Nacht angekommen ist. Er blieb gestern in Doha hängen. Mir fällt ein Stein vom Herzen! Wir machen uns auf den Weg zum Flughafen, die Fahrt dauert wieder endlos lange, noch länger als gestern in die andere Richtung. Müsste ich hier Autofahren – und ich bin eine erfahrene Autofahrerin - ginge das nicht lange gut. Die Schrecksekunden, die man jedes Mal beim Überholen erlebt, wären zuviel, ausgewichen wird immer erst in letzter Sekunde. Hier Auto zu fahren, heißt Millimeterarbeit zu leisten. Als wir am Flughafen sind und etliche Stellen durchlaufen haben, erfahren wir schließlich, dass mein Koffer bereits unterwegs zum Hotel ist! Also wieder zurück, wieder mehr als eine Stunde. Um halbeins kann ich dann endlich meinen Koffer wieder mein Eigen nennen. Nun steht unserem Aufbruch aber nichts mehr im Wege, wir haben allerdings viel Zeit verloren mit der Koffergeschichte. Wir essen in einem kleinen Lokal Biryani, pro Person zahlen wir 1 Euro, 2 Cola sind auch inkludiert. Nun verlassen wir Kochi. Wenn ich gedacht hatte, Autofahren in der Großstadt wäre ein Abenteuer, werde ich bald eines Besseren belehrt, es ist noch viel schlimmer auf der Überlandstraße. Überholt wird immer, ob man vor einer Kurve ist oder nicht, und Kurven gibt es hier zu Tausenden. Kaum eine gerade Strecke. Auch hier gilt: ausweichen im letzten Moment. Dazu kommen noch die unzähligen Krater in der Straße. Wir fahren durch eine abenteuerliche Landschaft, sattes Grün ringsherum. Wir durchqueren eine Palmölplantage, die durch einen Checkpoint abgesichert ist. Die Früchte, aus denen das Öl gewonnen wird, sind zunächst schwarz und hängen beerenartig von den Bäumen, später färben sie sich rot. Wir fahren an Bambusbäumen vorbei, Gummibäume säumen die Straße, von denen das Harz gewonnen wird. Noch abenteuerlicher wird die Straße, ein Krater neben dem anderen und für die Strecke von vielleicht 15 km benötigen wir fast 2 Stunden. Als wir endlich wieder auf eine bessere Straße kommen, wird kurz angehalten und ich kann von einer Brücke aus ein paar Aufnahmen auf den phantastischen Periyar River machen. Wir fahren weiter und erreichen schließlich Vazhachal Forest Division mit einem wunderschönen breiten Wasserfall. Der nächste Stopp heißt Athirappilly. Ein Naturschutzgebiet, wo man sehr darauf achtet, Verschmutzungen zu vermeiden. Der Platz ist traumhaft, in der Ferne ein riesiger Wasserfall, die Vegetation ist überaus üppig. Allerdings ist es hier wie Sauna und Aufguss in einem, es ist so heiß und schwül, dass es einem den Schweiß aus allen Poren treibt. Beim Zurückgehen geht man bergauf und das bedeutet Schwerarbeit bei diesem Klima. Beim Ausgang wartet ein Kokosnussverkäufer. Er schlägt die Nuss auf und mit einem Strohhalm trinkt man den erfrischenden und wirklich belebenden Saft. Nun müssen wir wieder einen Teil der Strecke zurück. Es wird dunkel und es folgt eine endlose Fahrt über die Berge. Es sind nur 150 km, aber dafür benötigen wir 5 Stunden. Am Schluss können wir es kaum mehr aushalten, es gibt immer wieder Wegweiser mit den Kilometerangaben, man hat das Gefühl, man kommt einfach nicht vom Fleck. Die Fenster sind außen beschlagen, der Scheibenwischer bricht ab. Außer den riesigen weißen Trompetenblüten sieht man nichts von der Landschaft, es ist aber klar, dass wir durch bergiges Gebiet fahren. Als wir dann in der Nähe von Munnar bei einem Hotel halten, ist dieses ausgebucht. Aber der Besitzer ist sehr freundlich und ruft eine Familie an, die privat Zimmer vermittelt. Die Temperatur ist so angenehm hier! Nach Einnahme des mitgebrachten Abendessens fallen wir todmüde ins Bett.

11. November 2012:

Als wir am Morgen aus dem Fenster blicken, bemerken wir erst, in welchem Paradies wir angekommen sind. Riesige Kardamompflanzen breiten sich vor unserem Fenster aus, in der Ferne sind die Teeplantagen zu sehen. Später zeigt uns der Hausherr die Kardamomsamen, die am Wurzelstock heranreifen. Nach der Ernte kommen sie in eine Trockenmaschine und werden bei 53 Grad ca. 24. Stunden lang getrocknet. Er besitzt auch Kaffee-, Pfeffer und Vanillepflanzen. Wir fahren weiter nach Munnar, ein berühmtes Teeanbaugebiet. Hier herrscht ein überaus reges Treiben. Ich frage mich, wo kommen die vielen Menschen hierher, denn die Stadt ist ziemlich klein. Wir fahren 13 km weiter zum Eravirum Nationalpark. Hier muss man auf den Shuttlebus umsteigen, der sie die steile, enge Straße empor schlängelt. Die Landschaft ist atemberaubend. An der Endstelle steigen wir aus und wandern ein wenig den Berg hinan. Bergziegen begegnen uns, die keinerlei Scheu vor den Menschen haben. Später lese ich, dass hier auch Tiger und Elefanten wild leben. Der Dunst in der Ferne taucht die Berge in ein mystisches Licht, der höchste Berg ist 3000 Meter hoch. Rundum ist alles bewaldet. Wir wandern bis zum Oberlauf eines Wasserfalles, dann kehren wir um. Der Bus bringt uns wieder ins Tal zu unserem Fahrer. Nun steht der Gewürz- und Tee-Einkauf in Munnar auf dem Programm. Danach geht die Fahrt weiter zum Echo Point beim Mundala Lake, ein Echo ist hier allerdings nicht zu hören, denn es gibt zu viele Menschen hier. Inmitten dieser wunderbaren Umgebung tut es in der Seele weh, wie gedankenlos der Mist weggeworfen wird, er türmt sich förmlich am Seeufer. Dann geht es weiter, es ist schon 16.30 Uhr. Die Fahrt wird wieder sehr lang – für die 150 km lange Strecke bis Kottayam benötigen wir mehr als 5 Stunden. Die Straße ist schlecht und eng, viele Krater im Belag, es gibt viel Verkehr und eine Kurve nach der anderen. Das Fahren hier ist mehr als mühsam. Unser Abendessen nehmen wir in einem Lokal ein, das „Sauber“ heißt, diesem Anspruch aber eher nicht gerecht wird. Mir ist ein wenig unbehaglich, aber ich esse etwas von dem Karfiolcurry und werde wohl die abendliche Whiskydosis zur inneren Desinfektion verdoppeln. Um 22 Uhr treffen wir dann in unserem Quartier ein. Es ist sehr heiß hier.

12. November 2012:

Heute können wir uns ausruhen, es gibt ein spätes Frühstück mit Reisnudeln und sehr kleinen Bananen, die ganz anders schmecken als man gewohnt ist. Dann wird Wäsche gewaschen, gelesen, Tagebuch geschrieben, eine Wohltat nach den langen Autofahrten. Am Nachmittag sehen wir uns die Umgebung an. Plötzlich geht ein Wolkenbruch nieder, eineinhalb Stunden lang schüttet es heftig.

13. November 2012:

Heute ist ein Feiertag für die Hindus, das Divali-Fest oder Fest des Lichtes. Es findet immer am 20. Tag nach dem Neumond im Herbst statt. In den Fenstern und den Hauseingängen werden Lichter angezündet bzw. heutzutage vielmehr elektrische Lichterketten angebracht. Lakshmi, die Göttin des Erfolgs und des Reichtums, soll von den Lichtern eingeladen werden und dem Haus Wohlstand bringen. Wir brechen um 6.30 Uhr auf und da heute Feiertag ist, kommen wir relativ rasch weiter. Drei Stunden brauchen wir für die 160 km bis Trivandrum (das eigentlich Thiruvananthapuram heisst). Dort besuchen wir den Zoo, die Tiere sitzen hinter doppelten, feinmaschigen Gittern, man sieht sie kaum. Der Grund ist der, dass die Besucher immer wieder Futter durch das einfache Gitter warfen, wovon die Tiere krank wurden. Die Affen hingegen leben frei auf den Palmen. Die Tiger sind auf sehr engen Raum gesperrt und gehen monoton auf und ab. Ein trauriger Anblick - ich mag Zoos ohnehin nicht – und hier schon überhaupt nicht! Wir besuchen ein Museum mit Hindugottheiten, das sich auf dem Gelände befindet, die Statuen sind alle sehr alt und stammen von Ausgrabungen. Wir besuchen Peter, einen Bekannten von R. und seine Familie. Zuvor verursachte unser Fahrer einen Schaden auf seinem Auto, als er sich durch die enge Zufahrtsgasse zwängte, er ist ziemlich niedergedrückt. Peter war schon in Österreich und auch in Deutschland. Er und seine Frau werden uns nach Kanyakumari begleiten, es sind noch ca. 80 km bis dahin. Die Straße führt durch eine tropische Landschaft, rechts ragen Berge auf, Kokos- und Bananenwälder säumen die Straße. In Kanyakumari wälzen sich Tausende Menschen durch die Straßen, die Stadt ist ein bedeutendes hinduistisches Pilgerziel, wo v.a. der Tempel der Göttin Kumari Amman besucht wird. Hier liegt das Kap Komorin, der südlichste Punkt des indischen Subkontinents, wir sind im indischen Bundesstaat Tamil Nadu. Der Sonnenuntergang soll hier besonders schön sein, aber leider taucht die Sonne in eine Wolkenbank und entzieht sich unseren Blicken. Die Mehrheit der Einwohner Kanyakumaris sind Christen, die christliche Gemeinde soll auf den Apostel Thomas zurückgehen. Im 16. Jahrhundert wirkte hier der Asienmissionar Franz Xaver. 1948 wurde vor Kanyakumari ein Teil der Asche Mahatma Gandhis verstreut. Es ist spät geworden und wir beschließen spontan, hier zu übernachten. Dank Peters Vermittlung gibt es sogar Platz in einem kleinen Hotel. Mit dem Schlafen in dieser Nacht ist es aber es so eine Sache – die Menschen feiern und singen die ganze Nacht hindurch bis zum Sonnenaufgang.

14. November 2012:

Auch am Morgen versteckt sich die Sonne hinter einer Wolkenbank. Enttäuscht legen wir uns nochmals kurz hin, um 7.30 Uhr gibt es Frühstück. Vor der Küste liegen zwei kleine Felsen. Auf dem größeren der beiden befindet sich das Vivekananda-Denkmal, eine Gedenkstätte für den Hindu-Philosophen Vivekananda, der hier 1892 drei Tage meditierend verbrachte. Auf dem anderen Felsen wurde im Jahr 2000 eine 40,5 Meter hohe Statue als Denkmal für den tamilischen Dichter Tiruvalluvar, errichtet. Die Inseln sind per Boot erreichbar, allerdings steht hier eine endlose wartende Menschenschlange. Wir erfahren aber, dass es eine „fast line“ gibt, hier bezahlt man statt 30 Rupien 125 und schon sitzt man im nächsten Boot. So einfach geht das! Die Fahrt dauert nur fünf Minuten, wir erhalten sogar eine Schwimmweste. Drüben ausgestiegen müssen wir die Schuhe abgeben, der ganze Bezirk gilt als verehrungswürdig. Wieder an Land wird es Zeit für unseren Aufbruch. Unterwegs machen wir Halt in der Nähe von Kovalam am Indischen Ozean und genießen den Fisch in einem der vielen schönen Restaurants direkt am Strand. Das – hervorragende – Mahl kostet nur 14 Euro pro Person – noch dazu mit der Aussicht auf den weißen Strand und die hohen Wellen des Indischen Ozeans! Später gibt es noch eine Kaffeepause und um 21 Uhr sind wir zurück in Kottayam.

15. November 2012:

Unser heutiges Ziel sind die Backwaters. Diese umfassen 29 Seen und Lagunen, 44 Flüsse sowie insgesamt rund 1500 Kilometer lange Kanäle und natürliche Wasserstraßen. Die Backwaters werden landwirtschaftlich intensiv genutzt, heute umfassen sie nur mehr ein Drittel der ursprünglichen Größe. Der Grund ist die Trockenlegung von Gewässern zur Gewinnung landschaftlicher Nutzfläche. Unser Fahrer kommt später als vereinbart, und so ist es schon nahezu 10 Uhr, als wir aufbrechen. Der Grund seiner Verspätung ist ein Streik der Taxifahrer, die eine höhere Rate fordern, da Benzin teurer geworden ist. Wir müssen die Ortschaften meiden und einen Umweg fahren, denn auch unser Fahrer dürfte eigentlich nicht unterwegs sein. In Kumarkakum besteigen wir ein Hausboot, das über ein Doppelzimmer mit Bad und Küche an Bord verfügt. Wir gleiten durch Kanäle und auf Seen durch eine wahrhaft paradiesische Landschaft. Riesige Schwärme von Enten begegnen uns, bunte Vögel sitzen auf den tropischen Bäumen, die Palmen spiegeln sich im Wasser. Die Frauen in den Häusern, die am Ufer stehen, haben heute offenbar Waschtag. Überall wird Wäsche gewaschen (auf Steinen geklopft und im Fluss ausgewaschen). Leider schwimmen auf diesem paradiesischen Wasser neben unzähligen Wasserlilien auch Plastikflaschen, Plastiksäcke und jede andere Art von Müll. Niemand dürfte hier den Wert dieses Paradieses erahnen. Es gibt auch luxuriöse Resorts, wo sich Europäer tummeln und durch ayurvedische Masseure verwöhnen lassen. Wir gleiten an Reisfeldern vorbei. Unser Kapitän parkt das Boot und wir erhalten unser Mittagessen, das sein Helfer frisch in der Küche zubereitet hat. Fisch, Lobster, Reis, Pickles, Curry, Kartoffeln - es schmeckt köstlich! Dann geht die Fahrt noch ein Stück weiter bis wir wieder am Ausgangspunkt anlegen. Anschließend haben wir noch die Möglichkeit, „Toddy“ zu kosten, ein Kokoswein, oder besser gesagt „Sturm“. Wir machen noch Besuch bei einer Familie, und ich lerne im Garten Ingwerpflanzen kennen und neben Vanilleschoten noch etliche andere, mir unbekannte Gewürze.

16. November 2012:

Heute müssen wir Abschied von Kerala nehmen – und auch von unserem Fahrer, der uns noch zum Flughafen in Kochi bringt. Mit Jet Air fliegen wir über Hyderabad weiter nach Delhi, wo wir nach 18 Uhr eintreffen.

17. November 2012:

Um 10 Uhr erwartet uns der Fahrer vor dem Hotel, es geht los zur Stadtbesichtigung. Die Autostraßen sind sehr breit, viele Parks gibt es entlang unseres Weges. Nach ca. einer Stunde sind wir in Old Delhi – hier gibt es ein überaus buntes Treiben. Wir kommen nicht weiter, der Fahrer lässt uns aussteigen und wir gehen zu Fuß zur Jama Masjid. Das ist die größte Moschee Indiens und eine der größten der Erde, sie wurde im 17. Jahrhundert aus rotem Sandstein erbaut, die Fassade ist aus weißem Marmor. In dem über 90 Meter langen Hof finden mehr als 20.000 Gläubige Platz. Danach fahren wir mit einer Fahrrad-Rikscha durch die Hochzeitsgasse, biegen in eine kleine Gasse ein, wo es einen kleinen, alten Tempel mit Malereien aus dem 10. Jahrhundert gibt. Unser nächstes Ziel ist das Rote Fort, eine Festungs- und Palastanlage aus der Epoche des Mogulreiches. Sie wurde zwischen 1639 und 1648 erbaut und gehört seit 2007 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Auch für diesen Bau wurde der rote Sandstein verwendet, daher der Name. Hier könnte man einen ganzen Tag verbringen, das Gelände misst von Nord nach Süd fast einen Kilometer. Schließlich besuchen wir noch Raj Ghat, die Gedenkstätte von Mahatma Ghandi. Auch hier muss man die Schuhe abgeben und sich barfüßig durch den weitläufigen Park bewegen. Auf dem schwarzen Marmorstein wurde die Leiche Ghandis am Tag nach seiner Ermordung verbrannt. Ein ewiges Licht brennt für den größten Sohn Indiens. Bevor wir zurück zum Hotel fahren, besuchen wir noch einige Geschäfte und erstehen einige wunderschöne Schals.

18. November 2012:

Um 8 Uhr brechen wir auf. Es wird eine lange Fahrt. Zuerst geht es dahin auf einer vierspurigen Autobahn, rechts und links werden riesige Einkaufskomplexe gebaut. Später wird die Straße nur mehr zweispurig und ist keine Autobahn mehr, dann gibt es nur mehr eine Spur in eine Richtung. Inzwischen habe ich mich an die abenteuerliche Fahrweise gewöhnt und unser Fahrer navigiert sicher durch das Verkehrschaos. Wir fahren durch den Bundesstaat Uttar Pradesh. Das Leben neben der Straße ist bunt und vielfältig. Mindestens 20 Leute hängen in und an den Ritschkas, Kühe liegen vor den Geschäften, einige sind angebunden, andere bewegen sich frei und laufen auch schon mal auf die Straße. Tote Hunde liegen am Straßenrand, dürre Klepper ziehen voll beladene Wagen. Unmengen von Mist türmen sich entlang der Straße. Aus Kuhfladen werden Briketts geformt, die als Heizmaterial dienen. An den Straßenkreuzungen herrscht ein totales Chaos. Es ist eine anstrengende Fahrt selbst für uns im Fond des Autos, körperlich und psychisch, das Auge ist überfordert, ebenso der Geist. Überall wimmelt es in den Dörfern von Menschen, es wird gehupt und geschrieen. Der raschen Reaktionsfähigkeit der Fahrer ist es zu danken, dass es nicht zu mehr Unfällen kommt, denn die Fahrweise ist mehr als abenteuerlich. Das gleiche Bild bietet sich in allen Dörfern oder Städten, durch die wir fahren. Der Abstand zwischen den Städten ist klein, oft kleiner als bei uns. Dazwischen weite Felder, ich kann Rapsfelder erkennen an den gelben Blüten. Die Stadt Agra, in der 2,4 Millionen Menschen leben, sieht genauso aus wie die Dörfer, durch die wir fuhren. Überall sitzen Affen auf den Dächern. Um 13.45 treffen wir dann bei unserem Hotel ein, abgetrennt durch einen Zaun von der rauen Wirklichkeit Indiens. Fast unwirklich, einer Oase gleich. Eine halbe Stunde später geht’s wieder los, der Führer für das Tadj Mahal steigt zu. Kein Auto ist in der näheren Zone zum Eingang erlaubt, nur Pferdefuhrwerke oder batteriebetriebene Ritschkas. Wir entschieden uns für die letztern. Strenge Sicherheitsmassnahmen beim Eingang, kein Essen, keine Metallgegenstände. Handtaschen werden durchleuchtet, Körper abgetastet. Ein Affe sitzt auf dem Mistkübel, aus dem er sich die Keks der Touristen holt, die man ihnen zuvor abgenommen hatte. Der Führer erzählt uns, dass sich an Spitzentagen bis zu 50.000 Touristen hier durchwälzen, meistens indische, man sieht nur wenige Europäer. Das Tadj Mahal ist überwältigend schön, aber leider kann man diese Schönheit nicht wirklich auf sich wirken lassen. Man kann sich nicht auf das Bauwerk konzentrieren, die Menschenmassen rundherum nehmen mehr Aufmerksamkeit, man wird ständig geschupst, man muss auf die Handtasche aufpassen, man muss fotografieren und dem Führer zuhören. Teilweise wird man nur weitergeschoben. Auch hier muss man die Schuhe ausziehen. Wir gehen dann Richtung Ausgang, fahren wieder mit einer Ritschka in Richtung Auto. Die Verkäufer belagern die Touristen: Wandteppiche und Teller werden angeboten, die Dinge sind sehr schön, aber teuer und ich kann mit der Ausrede entkommen, dass es meiner Freundin nicht gut geht. Sie fühlt sich tatsächlich schon seit gestern nicht gut.

19. November 2012:

Heute ist um 8.30 Uhr Abfahrt. Wir fahren zum Fort Agra und haben den Fahrer überzeugt, dass wir die Besichtigung ohne Führer machen werden. Es ist relativ früh und bis jetzt gibt es nur wenige Touristen und so können wir das riesige Palastgelände in Ruhe genießen. Dann geht es weiter nach Fatihepur Sikni, wo wir wieder einen Führer nehmen müssen. Die frühere Hauptstadt des Mogulreiches unter Großmogul Akbar wurde im 16. Jahrhundert erbaut, allerdings befand sich der Hof nur kurze Zeit hier. Akbar war offenbar ein toleranter und weitsichtiger Herrscher. Der Königspalast erstreckt sich über ein weites Gelände. Weiter geht es nun auf der Autobahn, auf der uns in kurzen Abständen zwei LKWs als Geisterfahrer begegnen. Unser Fahrer beherrscht sein Auto und die Straßenverhältnisse bravourös: plötzlich brechen aus einer durchgehenden Bougainvilliahecke einige Kühe heraus und laufen auf die Fahrbahn, geistesgegenwärtig verreißt er das Auto. Die Kühe dürften die Autobahn lieben, in Gruppen liegen sie auf dem Mittelstreifen und man muss jederzeit gewärtig sein, dass sie aufstehen und auf die Fahrbahn laufen. Wir erreichen Jaipur, wir befinden uns in Rajasthan. Die Einfahrtsstraße hat schöne, alte Gebäude, die allerdings auf ihrer Restaurierung warten. Wir kommen in den neuen Stadtteil, es gibt ganz moderne Einkaufszentren, welch ein Kontrast zu den Vororten! Das Hotel ist ein wunderschöner Komplex, ein ehemaliger Palast, der in ein Hotel umfunktioniert wurde.

20. November 2012:

Um 8 Uhr treffen wir unseren Fahrer beim Auto, heute müssen wir nicht einpacken, wir werden hier noch eine Nacht verbringen. Gleich beim Hotel steigt unser lokaler Führer zu, er heißt Amar und wird uns den ganzen Tag lang begleiten. Der erste Halt in der „Pink City“ ist beim Palast der Winde, ein architektonisch außergewöhnliches Bauwerk. Er bildet einen Teil des riesigen Stadtpalastes der hiesigen Maharajas und wurde Ende des 18. Jahrhunderts gebaut. Ein wenig enttäuscht bin ich schon, dass dieser wunderbare Palast mitten in dieser stark befahrenen Straße steht und von so vielen Abgasen sicher bald zerstört wird. Die Fassade hat 900 Fenster, durch die die Damen das Treiben draußen beobachten konnten, ohne selbst gesehen zu werden. Danach geht es weiter zum Fort Amber, das 11 km außerhalb von Jaipur liegt. Es liegt auf dem Kamm einer Bergkette und spiegelt sich – traumhaft schön - im darunterliegenden See. Am Fuße des Berges warten 120 Elefanten, um die Touristen zu der Burg hinauf zu transportieren. Eine endlose Menschenschlange ist dazu angestellt und angesichts dieser Schlange entscheiden wir uns, darauf zu verzichten und mit dem Auto hinaufzufahren. Umso mehr als die Elefanten nur bis 11 Uhr „arbeiten“, sie werden rasch müde. Durch das Sonnentor betritt man das Fort und kommt zu einem weitläufigen Platz, wo die Touristen von ihren Elefanten steigen. Amar erzählt uns, dass der Maharadja hier 12 Frauen hatte und vier weitere lebten in der Stadt. Die Lieblingsfrau hatte die am besten ausgestatteten Gemächer mit Massageraum, Bad etc. Der Palast ist ein weitläufiges Gelände und wir verbringen einige Stunden hier. Ganz besonders beeindruckend ist der Spiegelpalast. Die Fassade des Palastes ist aus weißem Marmor und rotem Sandstein gestaltet und in seinem Inneren befinden sich unzählige Spiegel. Gegenüber dem Stadtpalast in Jaipur befindet sich das Jantar Mantar Observatorium, im 18. Jahrhundert erbaut. Hier findet man mehrere Sonnenuhren, eine davon ist 27 Meter hoch und durch sie wird ein Schatten erzeugt, der pro Stunde bis zu vier Meter wandert. Die Genauigkeit der Uhr ist verblüffend. Der Mahardja hatte einige der Messinstrumente selbst entworfen, mit denen man die Position und die Bewegung von Sternen und Planeten berechnen konnte. Schließlich besichtigen wir noch den Stadtpalast, wo der jetzige Maharadja wohnt, er hat allerdings keine politische Macht mehr.

21. November 2012:

Heute liegen vor uns 350 Kilometer, zunächst noch auf der Autobahn, wo es ja relativ flott dahingeht, trotz der üblichen Geisterfahrer und der Kühe, die auch schon einmal mitten auf der Fahrbahn liegen. Die letzten 150 km legen wir dann auf einer engen zweispurigen Straße zurück, wo enorm viel Verkehr ist, v.a. viele LKWs. Die Landschaft ist ziemlich flach, nur kurzfristig tauchen eigenartige Felsformationen auf, hin und wieder vereinzelte Bäume, wir sehen einige Baumwollfelder. Schon lange achte ich nicht mehr auf das Geschehen auf der Straße, es kostet zu viele Nerven. Es wird eine mühsame Fahrt, wir treffen erst gegen 17 Uhr in Jodhpur ein, der „Blue City“ am Rand der Wüste Thar. Früher galt die blaue Farbe der Häuser als Zeichen der Zugehörigkeit der Bewohner zur Kaste der Brahmanen, allerdings haben heute auch Nicht-Brahmanen diesen Brauch übernommen. Der Fahrer kennt das Hotel nicht, er muss öfters fragen und es ist tatsächlich etwas abgelegen, mitten in einem Dorf. Ein altes Fort, das umgebaut und erst vor zwei Jahren eröffnet wurde. Eine Oase in all dem Staub ringsherum, Papageien auf den Bäumen, Springbrunnen, wunderschöne Blumen gibt es im Garten. Unser Zimmer ist geräumig, im Erdgeschoss gelegen. Als wir das Hotel kurz verlassen, sind wir von einer lärmenden und lachenden Kinderschar umgeben, die ihre englischen Sprachkenntnisse an uns ausprobieren möchten. Wir erfahren von den Berufswünschen der Halbwüchsigen und lachen viel mit den Kleinen.

22. November 2012:

Um 9 Uhr geht es los, unterwegs steigt unser lokaler Führer ein. Er ist ein sehr höflicher Mann, der uns viel über die Sitten und Gebräuche in Indien erzählt. Es gäbe noch den Ehrenmord und viele Mädchen werden vor den Waisenhäusern oder den Konventen abgelegt. Obwohl die Aussteuer offiziell vom Staat abgeschafft wurde, belastet sie die Familien nach wie vor. Erwachsene Mädchen, deren Familien nicht genug Geld haben, um die Aussteuer zu bezahlen, bringen sich oft um. Bei Ultraschalluntersuchungen von Schwangeren ist es verboten, den Eltern mitzuteilen, ob sie einen Buben oder ein Mädchen erwarten (im Falle eines Mädchens würde sofort eine Abtreibung vorgenommen werden). Wir besichtigen zunächst den Platz, wo der letzte Maharadja kremiert wurde, die Asche kommt dann in ein Gefäß und wird zum Ganges gebracht und dort ausgestreut. Danach fahren wir zu der historischen Festungsanlage Meherangarh, die auf einem Felsen über der Stadt thront und mit deren Bau man schon im 15. Jahrhundert begonnen hatte. Am Nachmittag bringt uns unser Führer noch in die Altstadt zu verschiedenen Geschäften – die letzte Möglichkeit zum Einkauf!

23. November 2012:

Unser Fahrer bringt uns zum Flughafen, er ist krank, hat Schnupfen und Husten. Gegen Mittag heben wir von Jodhpur ab und fliegen zurück nach Delhi. Die Flugzeit beträgt nur 45 Minuten. Wir wohnen wieder im gleichen Hotel wie vor einer Woche, dort wird heute eine Hochzeit gefeiert und bis ¾ 2 Uhr morgens spielt die Musik, dass die Wände beben. Erst danach kehrt Ruhe ein und am Morgen wirkt das Hotel wie ausgestorben.

24. November 2012:

Zu unserer großen Überraschung erwartet uns unser bisheriger Fahrer vor dem Hotel, er war gestern noch bis Jaipur gefahren und von dort fuhr er heute Morgen um 5 Uhr ab, weil die Agentur zu wenige Fahrer hat. Wir freuen uns darüber sehr, er ist wirklich ein guter und verlässlicher Fahrer. Unsere heutige erste Station ist Qutub Minar, ein Sieges- und Wachturm sowie ein Minarett im Qutub-Komplex. Heute sind überall Schulklassen unterwegs. Dann bringt uns unser Fahrer zum Lotustempel der Bahai. Ein schöner und ruhiger Ort. Vor dem Eingang müssen wir uns in Reih und Glied aufstellen, im Innenraum darf man keine Fotos machen, es werden Texte des Bahai Gründers vorgelesen, sowie ein Text aus dem Johannes Evangelium und aus dem Koran. Obwohl sich auch hier Menschenmassen befinden, sind alle ganz ruhig und verlassen den Ort in Stille. Weiter geht es zum Humayun-Mausoleum, einem riesigen Gartengrabmal des zweiten Herrschers des Großmogulreiches. Dann fahren wir zum Indien-Gate und über die 3,5 km lange schnurgerade Straße zum Präsidentenpalast. Wir essen Curry in einem kleinen Lokal, dann fahren wir zum Lakshmi Narayan Temple. Wir wollen dann noch zum Connaught-Place, es ist schon fast dunkel als wir in einen furchtbaren Stau kommen wegen eines Festes der Sikh. Mehr als eine Stunde lang kommen wir nicht vom Fleck. Heute Abend verabschiede ich mich von R., sie wird sehr früh am Morgen wieder zu ihrer Familie nach Bangalore fliegen, wo sie noch vier Wochen verbringen wird. Wir hatten eine schöne Zeit und haben vieles erlebt. R. wohnt schon seit 40 Jahren in Österreich und kennt ihre eigene Heimat kaum. Ein umso größeres Erlebnis waren diese letzten beiden Wochen für sie.

25. November 2012:

Mein Flug wird erst heute Nacht sein, ich habe den ganzen Tag noch zur Verfügung. Also holt mich mein Fahrer ab und bringt mich zum Swaminarayan Akshardham Tempel. Eine beeindruckende Anlage ist das, man darf leider weder Fotoapparat, noch Handy oder Handtasche mitnehmen, man muss alles in einem Schließfach deponieren. Die Anlage wurde im Jahr 2005 eröffnet und liegt nahe des Flusses Yamuna. Es gibt vieles zu sehen und man kann etliche Stunden hier verbringen. Neben der Besichtigung des großen Tempels, der mit vielen Schnitzereien geschmückt ist, kann man eine Bootsfahrt durch die 10.000jährige Geschichte Indiens unternehmen, einen Film im Imax-Kino ansehen und verschiedene Ausstellungen betrachten. Im Garten befinden sich Statuen von allen berühmten indischen Persönlichkeiten. Die Zeit vergeht sehr rasch und am Nachmittag treffe ich zum vereinbarten Zeitpunkt wieder den Fahrer, der mich ins Hotel zurückbringt. Nun heißt es noch Kofferpacken und gegen Mitternacht werde ich zum Flughafen gebracht. Es heißt Abschied von Indien zu nehmen, einem Land voller Gegensätze und Widersprüche, einem Land mit äußerst freundlichen Menschen und einer reichen Geschichte und Kultur, in die ich nur einen kurzen Einblick nehmen durfte. Kerala, Rajasthan und Delhi durfte ich kennenlernen, vielleicht gibt es ein Wiedersehen in einem anderen indischen Bundesstaat?