AUF GUSTAV NACHTIGAL’S SPUREN

Einer gewaltigen Gebirgsinsel gleich erhebt sich in der südöstlichen Sahara das Tibestibergland aus den ca. 500 bis 700 Meter hohen Randlandschaften. Es liegt zwischen dem 19. und 23. Breitengrad und bildet ein Dreieck von etwa 400 km Seitenlänge. Der Emi Koussi ist mit 3415 Metern der höchste Berg des gesamten saharischen Raumes. Vom Tibestimassiv ragt ein ca. 300 km langer Ausläufer gegen Nordosten, er wird Dohone genannt und liegt auf libyschem Boden, während sich das Hauptmassiv des Gebirges im Tschad befindet.

Als wir unser Nachtlager beim "Interesting Black Mountain" aufschlagen, liegen bereits drei Tage Fahrt und fast 2ooo km seit unserem Aufbruch von Tunis hinter uns. Tunis war der Ausgangspunkt unserer Reise, da die gegen das Land verhängten Sanktionen eine Anreise per Flugzeug nach Libyen nicht erlauben. Unser Ziel ist die Ostseite des Tibestigebirges auf libyschem Boden, genaugenommen sind es die nördlichsten Ausläufer des Gebirges. Es handelt sich um ein Gebiet, das selbst bis heute nur von wenigen Europäern besucht wurde. Der Grund dafür ist die Schwierigkeit des Geländes, die lange Anfahrt und die mangelnden Versorgungsmöglichkeiten in diesem riesigen, menschenleeren Gebiet. Es ist Anfang Oktober und die Klimaverhältnisse an der Küste - 49 Grad und ein heißer Wüstenwind, Ghibli genannt - geben uns Anlass zu schlimmen Befürchtungen. Immerhin warten hinter der Oase Rebiana 2000 km Fahrtstrecke und 12 Tage ohne jegliche Versorgungsmöglichkeiten auf uns, mit dem Wasser werden wir also sparsam umgehen müssen. "Wir" - das sind acht Personen mit drei Geländeautos. Chef der Gruppe ist Helmut, seit zwanzig Jahren bereist er die Sahara. Nach ca. 120 Wüstenfahrten hat er im vergangenen Februar erstmals das Tibesti auf der libyschen Seite gesehen. Das was er gesehen hat, hat ihn so nachhaltig beeindruckt, dass er sein gesamtes Reiseprogramm für die Wintersaison änderte, um sobald wie möglich wieder ins Tibesti zu kommen.

Heute ist Vollmond und eine überdimensional große, orange Scheibe erscheint langsam über dem Horizont und wirft ihr Licht über die weite Fläche des Serir, mystisch wirkt der Schwarze Berg als einzige Erhebung in dieser Ebene. Die Wüste hat mich wieder, wieder darf ich in ihre Weite und ihre Freiheit eintauchen, mich in ihrer Grenzenlosigkeit verlieren. Seit Kindheit haben mich Bücher über die Sahara fasziniert, die Schriften von Heinrich Barth, Gustav Nachtigal und Gerhard Rohlfs habe ich in mich aufgesaugt und das Verlangen, diese Gegenden selbst zu sehen, hat mich nie losgelassen. Ein bestimmtes Ziel war es, das mich immer ganz besonders angezogen hat: Tibesti! Nach mehreren Saharafahrten ist es nun so weit: ich befinde mich auf dem Weg dorthin! Im Schlafsack eingehüllt liege ich in dieser weiten Fläche und über mir ein unvorstellbar schöner Sternenhimmel. Der Wind hat die Tageshitze vertrieben, eine Stille, wie sie in Europa nicht mehr erlebbar ist, umgibt mich. Das Glücksgefühl, hier sein zu dürfen ist überwältigend und hält den Schlaf von mir fern.

Am Morgen verlassen wir unser Lager in Richtung Südosten. Die Landschaft ändert sich wenig, endloser Serir (Kieswüste), hie und da kleine Tafelberge, manchmal auch kleine, weiße Sanddünen. Wir lassen Tazerbo hinter uns und tauchen ein in den Erg Rebiana, eines der großen Sandmeere der Sahara. Wer die Sanddünen des Idhan Ubari kennt, wird hier enttäuscht sein. Weit dehnen sich ebene Sandflächen, in sanften Wellen und ohne hohe Dünen ist dieses Sandmeer fahrtechnisch relativ leicht zu bewältigen. Der Sand ist hellgelb, im Mittagslicht erscheint er fast weiß. Nach vielen Stunden Fahrt taucht der Dschebel Rebiana aus dem Sandmeer auf und plötzlich liegt die Oase vor uns: ein langgestrecktes Bergmassiv mit lila Farbschattierungen, davor ein akaziengesäumtes Tal in fast bläuliches Licht getaucht, Palmen wohin man sieht - unwirklich präsentiert sich diese Bilderbuchoase im Nachmittagslicht. Nur schwer können wir uns von dem Anblick los reißen, starten unsere Autos und suchen die Polizeistation auf, wo wir uns ordnungsgemäß melden.

Das Grundwasservorkommen der Oase ermöglicht 15oo Menschen das Überleben und auf uns wirken die Hirsefelder und die unzähligen, mit reifen Früchten beladenen Dattelpalmen inmitten der Wüste fast wie eine Sinnestäuschung. Elektrischen Strom gibt es hier nur vom Dieselgenerator und Telefon gibt es nicht. Die libysche Verwaltung ließ einen Supermarkt errichten, er steht leer und verlassen da. Die Menschen können damit nichts anfangen, denn es gibt mehrere kleine Läden und die sind zum Einkaufen doch viel praktischer, erfährt man doch dort alle Neuigkeiten. Erst seit kurzer Zeit gibt es eine Bäckerei, zuvor hatte jede Familie das Brot selbst gebacken. Der Arzt stammt aus Nordkorea und spricht weder Arabisch noch Englisch. „Mish mushkele“, meint Ibrahim, der uns durch die Täler des libyschen Tibestigebirges führen wird, „macht nichts“ - die Leute hier sind ohnehin nur selten krank und irgendwie kann man sich doch immer verständlich machen.

Die Erfahrung, welche Kostbarkeit das Wasser darstellt, kann man wohl nur in der Wüste machen. Die Dusche mit dem Gartenschlauch schenkt uns neue Lebensgeister und unsere Kleidung hat nach einer Woche Oktoberhitze die Wäsche dringend nötig. Wir füllen alle Tanks und Flaschen randvoll, von jetzt an wird es lange Zeit kein frisches Wasser geben.

Morgen soll es losgehen und Ibrahim, der uns begleiten wird, montiert noch rasch seine "Reisebatterie" in seinen Uralt-Toyota, der nach europäischen Begriffen wohl kaum mehr als Auto anzusehen ist. In Rebiana benötigt er keine Batterie, es gibt genug Leute, die das Auto anschieben, wenn er es einmal braucht. Und noch ein Problem gilt es zu lösen: Die einzige Tankstelle des Ortes ist leer und das schon seit fünf Monaten! Der Grund ist der Treibstoffschmuggel in den Tschad. Ein Fass Diesel kostet in Libyen 25 Dinar, der Verkauf im Tschad dagegen bringt 500 Dinar, ein gutes Geschäft also! Wen wundert es also, dass das Schmuggelgeschäft floriert und etliche Leute in der Oase hier ihre Hände im Spiel haben?

Vor kurzer Zeit jedoch kam die Polizei aus Kufra und ertappte die Schmuggler auf frischer Tat, seit diesem Zeitpunkt ist der Tanklaster beschlagnahmt und die Tankstelle leer. Was aber soll nun mit uns geschehen?? Ibrahim flüstert uns hinter vorgehaltener Hand zu: Keine Sorge, ein Freund hat einen Tank im Garten und der wäre voll.... Ein wenig teurer wäre dieser Diesel zwar, aber das lässt sich angesichts der Treibstoffpreise in Libyen verkraften. Kurz nachdem die Nacht einbricht, machen sich unsere Autos auf den Weg zur Geheimtankstelle.

Richtung Südwesten führt unser Weg und unsere Autos brausen dahin auf den unberührten Sandflächen. Das Gelände ist nicht schwierig, trotzdem geht unsere Fahrt nur schleppend voran. Der Grund ist das Auto von Ibrahim. Der alte Toyota muss offenbar erst eingefahren werden, denn in Abständen von 20 Minuten gibt es einen Stopp, damit Ibrahim entweder Wasser in den defekten Kühler nachfüllen oder sonst irgendeine Reparatur vornehmen kann. Um es vorwegzunehmen: das etappenartige Service des ersten Tages hatte den alten Toy wieder in Schwung gebracht und nach diesem Tag gab es keine weiteren Schwierigkeiten mehr.

Wir erreichen den Brunnen Hosenofou, seit Jahrhunderten ein markanter Punkt auf dem alten Karawanenweg in den Tschad. Es gibt einen Bohrschacht zum Brunnen und wenn man in diesen einen Stein wirft, so zischt und brodelt es, als würden die Schallwellen direkt aus dem Erdmittelpunkt reflektiert. Das Geräusch wirkt unheimlich inmitten dieses stillen und menschenleeren Raumes. Das Ende der Sandstrecke ist erreicht und die Landschaft verändert sich allmählich. Der hellgelbe Sand wechselt nun in einen rötlichen Farbton und Lavagesteinsbrocken liegen verstreut in der Landschaft, allmählich tauchen Hügel auf. Als wir unser Lager in Baarsoo aufschlagen, überfallen uns Tausende winzige, weiße Stechfliegen. Fünf verschiedene Antimückenmittel haben wir mit, die Plagegeister dürften keines davon kennen, denn ihre Stechfreudigkeit wird dadurch in keinster Weise beeinträchtigt. Der Spuk verschwindet erst, als die Dämmerung hereinbricht. Die Sonne, die die Hügel zuvor in einen glühend gelb-braunen Farbton getaucht hatte, sinkt hinter den fernen blauen Bergen, die die ersten Ausläufer des Tibesti bilden. Wir betrachten das Naturschauspiel mit Spannung und freudiger Erwartung. Morgen werden wir nach acht Tagen Fahrt das Tibestigebirge erreichen! Es ist schön, dass es auch in unserer heutigen Zeit noch Reiseziele gibt, auf die man sich während einer langen Anreise freuen und vorbereiten kann. Der Ausblick am nächsten Morgen vom Dschebel Bab, übersetzt mit "Berg des Eingangs" - gemeint ist der Eingang in das Tibestigebirge - verschlägt uns dann tatsächlich den Atem: in unendliche Weiten hinaus breitet sich eine wahrhaft atemberaubende Landschaft. Bis zum Horizont sehen wir dichtstehende Erhebungen in phantastisch bizarren Gestalten und Farben, verbunden mit der uns umgebenden Stille glauben wir fast, in einer anderen Welt angekommen zu sein. Eine Landschaft in einer vollendeten Harmonie von Form, Gestalt und Licht - unheimlich, mystisch, ja heilig! Nur schwer können wir den Blick abwenden, um unsere Fahrt fortzusetzen und einzutauchen in diese unberührte Landschaft, wie sie ihresgleichen wohl nirgends auf dieser Erde zu finden ist. Phantastische Felsgebilde säumen unseren Weg: Blöcke, Türme, Pfeiler, Zinnen - vereinzelt oder in Reihen geschart. Da vorne ein Berg, der den Eindruck erweckt, als wäre er dicht bewaldet. Als wir näherkommen stellen sich die vermeintlichen Bäume als baumhohe Felsnadeln dar. Ein anderer Berg ist von einer Festung gekrönt, jedoch war ihr Architekt und Baumeister die Natur im ewigen Spiel von Sand und Wind. Wir fahren über rosa Gesteinsplatten, sie wechseln in einen dunkelroten Farbton, dann wieder sind sie braun und durchzogen von feinsten gelben Linien. Immer wieder treten Luftspiegelungen auf, die die ganze Gegend vermeintlich unter Wasser setzen. Die bizarre Landschaft und auch unsere Autos spiegeln sich in diesen imaginären Wasserflächen.

Inmitten der wildromantischen Landschaft des Wadi Lori errichten wir auf einer Anhöhe früh am Nachmittag unser Lager, umgeben von bizarrsten Felsgebilden. Unter uns erstreckt sich das langgezogene Tal mit vereinzelten dürren Akazien, die in einer Linie stehen, als wäre sie mit dem Lineal gezogen. Als die Tageshitze nachlässt, lädt mich Ibrahim zu einer Wanderung ein und er zeigt mir unzählige Felsgravuren auf den Wänden des bizarren Gesteins: Elefanten, Giraffen, Rinder, Gazellen und Menschendarstellungen finden sich zu meinem Erstaunen, er macht mich aufmerksam auf die steinzeitlichen Reibschalen und Reibsteine, die verstreut am Boden liegen, als wären sie erst gestern benutzt worden, hin und wieder sehen wir eine Pfeilspitze oder eine verzierte Tonscherbe. Seit Jahrtausenden weht der Wind über diese stummen Zeugen einer Zeit, in der diese Gegend dicht besiedelt war. Der deutsche Arzt Gustav Nachtigal war der erste Europäer, der im Jahr 1869 in das Tibestigebirge vordrang. Er beschrieb nach seiner Rückkunft die Felsgravuren und Felszeichnungen als einen der wertvollsten Schätze der Menschheitsgeschichte, Zeugnis menschlicher Kulturen über einen Zeitraum von fast 10.000 Jahren. Keine der schriftlosen Kulturen der Vorzeit hat uns ein so vollständiges Bild ihres Alltags hinterlassen wie die Hirten der Zentralsahara. Die Motive dieser Felsbilder widerlegten die bis dahin verbreitete Annahme, dass die Sahara von jeher trockenes und menschenleeres Gebiet gewesen sei, erst um ca. 15oo v. Chr. ist die Sahara zur Wüste geworden. In den vom Wind ausgeschliffenen Höhlen der Sandsteinformationen der Zentralsahara sehen wir Menschen dargestellt mit ihrer Haartracht, ihren Waffen und Geräten, man sieht ihre Hütten, ihre Tongefäße, die Spiele der Kinder, Tanzfeste, Jagdszenen und unzählige Tierdarstellungen von Elefanten, Giraffen, Krokodilen und all den Tieren, die wir heutzutage in Afrika viel weiter südlich antreffen.

Die Felsen um uns glühen im Abendlicht und ein Falkenpärchen umkreist uns mit drohendem Schrei. Ibrahim schlägt vor, ich möge mich ein wenig ausruhen und wir setzen uns auf eine Felsenbank. Er erzählt über seine Liebe zur Wüste. Er seufzt und meint, seit gestern Abend als wir Baarsoo erreicht hatten, wäre er wieder glücklich und könne endlich frei atmen. Er ist Tuareg und wurde im Nomadenzelt in Algerien geboren. Als er sechs Jahre alt war, wurde er von den Franzosen gezwungen, die Schule in der Nähe von Algier zu besuchen, mehr als tausend Kilometer von seiner Heimat entfernt. Seine Heimat und seine Familie sah er erst fünfzehn Jahre später wieder. Als er endlich dorthin zurückkehren konnte, fand er keine Lebensgrundlage und musste sich diese schließlich in Libyen suchen. Er arbeitete zunächst in Tripolis, dann in Kufra und eines Tages wurde er nach Rebiana geschickt. Als er die Oase sah, wusste er, dass er am ehesten hier leben könne. Er ließ sich in Rebiana nieder und heiratete. Jetzt führt er hin und wieder eine Touristengruppe nach Dschebel Awainat, in die Oase Basima, zum Dschebel Nerastro und auch wie uns ins libysche Tibesti, um dem Leben in der Wüste näher zu sein. Er träumt von einer Rückkehr in seine algerische Heimat, denn seine Heimat ist und bleibe die Wüste. Nur in der Wüste fühle er sich frei. Der Orientierungssinn der Nomaden ist ihm angeboren, er meint, egal wie lange eine Fahrtstrecke wäre, wenn er sie einmal durchfahren hätte, würde er seinen Weg jederzeit wieder finden. Ibrahim hat einmal zwei Monate in Paris verbracht und aus dieser Erfahrung meint er, ein Leben in Europa müsse sehr, sehr schwer sein. Ibrahim, wie recht du doch hast!

Die Sonne berührt den Horizont und das leuchtende Goldgelb der Felsen wechselt in Dunkelrot. Neben den phantastischen Felsgebilden ist es vor allem das Licht, das den Zauber dieser Landschaft ausmacht und das ein einmaliges Farbenspiel im Laufe des Tages inszeniert. Die starken Kontraste der hoch aufragenden und bizarren Felsformationen zum wechselnden Licht des Himmels verleihen dieser Landschaft ihren fast überirdischen Charakter. Wenige Stunden später erhebt sich der Mond als überdimensional große, orange Scheibe hinter den Hügeln und taucht die wie ausgefranst erscheinenden Felsspitzen in helles Licht. Stundenlang sitzen wir abends schweigend am Lagerfeuer, über uns ein unbeschreiblicher Sternenhimmel mit Kaskaden von Sternschnuppen. Hier muss jedes Gespräch verstummen, nur der Wind spricht und das Knistern des Feuers. Die Menschen der Steinzeit, deren Werkzeuge ich heute sah, sind sie wirklich schon seit Jahrtausenden tot oder sitzen sie mit uns schweigend und unsichtbar am Feuer? Ich möchte die Zeit für ewig festhalten können.

In der verlassenen Siedlung Tuzugu wohnten bis vor wenigen Jahren einige Nomadenfamilien, die Trockenheit hat sie gezwungen, fortzuziehen. Ihre Tiere fanden keine Nahrung mehr, die Niederschläge im Laufe der letzten Jahrzehnte wurden zunehmend knapper. Zurückgeblieben sind die Rundhütten aus Akazienholz und der Hausrat, den sie auf ihre Reise nach Süden nicht mitnehmen konnten. Geflochtene Körbe, Teekannen, Kamelsättel, Schüsseln - das alles finden wir in den Hütten, als ob die Bewohner jeden Augenblick zurückkehren könnten.

Das Enneri Eshi breitet sich vor uns aus, ein wunderschönes breites Flussbett. Der nun ausgetrocknete Fluss hatte sich seinen Verlauf mäanderartig durch die Landschaft gesucht, tiefgrüne Grasbüschel stehen im Flussbett, die gelben Kugeln der Koloquinten liegen verstreut auf der aufgebrochenen, trockenen Schlammkruste. Grüne Akazienbäume säumen das Flussbett, ihre bizarren Äste ragen in den blauen Himmel. Wir suchen uns die schönsten Aussichtspunkte auf den Hügeln und sind überwältigt von dieser grandiosen Landschaft, in der Ferne überragt das Massiv des Duhun Tarsu, zu dem auch der höchste Berg Libyens mit etwa 23oo m gehört, die wildzerklüfteten Hügel. Welch ein beeindruckendes Schauspiel der Farben bietet sich unseren Augen! Wenig später sind wir am südlichsten Punkt unserer Reise angelangt und stehen an einem Wegzeichen, das den Grenzverlauf Libyens zum Tschad markiert. Selbstverständlich bestehen wir darauf, unser Mittagessen im Tschad einzunehmen.

Wadi Thon - Ibrahim hatte während der Reise schon oft sehnsüchtig diesen Namen erwähnt, heute sollten wir dieses Tal der roten Berge erreichen. Schon die Einfahrt in das Tal ist vielversprechend: ein Bergmassiv mit wildzerklüfteten Felsspitzen vor uns, das den Eindruck eines Sägekammes oder einer Ruinenlandschaft entstehen lässt, rechts und links sind die Hügel von steinernen Figuren bekränzt und unserer Phantasie, sie zu interpretieren, sind keine Grenzen gesetzt. Ein versteinertes Empfangskomitee, das uns erwartet! Saftig grüne Akazien stehen auf unserem Weg und dann öffnet sich das Tal - und wir sind stumm vor Staunen. Nach all den Naturwundern der letzten Tage ist es schon fast unglaublich, wie sehr uns dieser Anblick erneut verzaubern kann. Der Boden des Tales ist bedeckt von goldgelbem Sand, gegen die Berge zu links und rechts verfärbt sich der Sand immer dünkler, bis er schließlich an den Berghängen in ein tiefes Dunkelrot übergeht. Die Berge selbst bestehen aus dunkelrotem Sandgestein. Über all dem wölbt sich ein hellblauer Himmel mit großen, weißen Wattebäuschen, die ersten Wolken, die wir seit Beginn unserer Reise sehen. Das Farbenspiel des Tages wechselt in ein völlig anderes, als die Sonne untergegangen ist und die Berge sind von einem zarten Rosa übertüncht und violettfarben ist der Himmel. Das übernatürliche Licht, die unendliche Stille, das Farbenspiel dieser Natur, die wildbizarren Felswände, an denen jeder Zentimeter ein Naturwunder darstellt: Selten in meinem Leben hat mich ein derartiges Glücksgefühl durchströmt wie bei meiner Abendwanderung durch dieses Tal. Auf all meinen Reisen bin ich noch nie einer Landschaft wie dieser hier begegnet, einer Landschaft, die so viel Mystik ausstrahlt und in der man meint, alle Geheimnisse des Lebens verstehen zu können.

Der Abschied von Wadi Thon am übernächsten Tag fällt schwer, wir durchqueren ein Flussbett, das mit überdimensionalen weißen, schwarzen und bläulichen Steinen übersät ist. Im vergangenen August hatte es hier nach Jahren geregnet und unser Führer ist sich sicher, dass wir in der Nähe des Flussbettes noch Wasser finden werden. Und dann stehen wir tatsächlich vor einem Becken mit Wasser, tief unten und gut geschützt vor den Sonnenstrahlen liegt es im Schatten einer Felswand. Dunkelgrün schimmert die Wasseroberfläche und bildet einen herrlichen Kontrast zu den weißen Schlammkrusten, die die Gegend überziehen. Dieses Wasser wird uns aller Sorgen entheben und sofort beginnen wir, die Tanks zu füllen. Noch weitere 10 Tage muss unser Wasservorrat reichen. Ibrahim hatte unterwegs ein 200 Liter-Fass gefunden und es mitgenommen und nun beginnt er, dieses Fass in mühevoller Arbeit mit Wasser zu füllen. Uns erscheint sein Tun zunächst rätselhaft: wie wird er das volle Fass den Abhang hinauf bringen und wozu benötigt er soviel Wasser? Aber das Fass bleibt an dieser Stelle zurück - Ibrahim meint, das Becken werde sehr bald ausgetrocknet sein und es könnte jemand vorbeikommen, der Wasser dringend benötigte, im Fass wird es erhalten bleiben. Die Sorge für einen Unbekannten, der vielleicht Hilfe benötigen könnte - wie fremd ist uns in Europa dieses Verhalten geworden!

In einem Seitental treffen wir auf eine Siedlung von drei Tubufamilien, die sich hier seit einigen Monaten niedergelassen haben und bleiben werden, solange ihre Tiere Nahrung finden. Hellgrünes Gras bedeckt den Boden, welch ein Kontrast zu den schroffen Berghängen! Ibrahim hat als Gastgeschenk einen Sack Datteln mitgebracht und die Frauen wollen sofort eine Ziege für uns schlachten. Ibrahim kennt die Armut dieser Leute und ist diplomatisch genug, um eine Ausrede zu finden, warum wir nicht bleiben können. Zwei der Familienoberhäupter sind mit ihren Kamelen nach Uri geritten, um einige Tiere zu verkaufen und Hirse und Tee einzukaufen. Die Kinder sind übersät mit Fliegen und an ihre Haut dürfte im Laufe ihres Lebens noch nicht viel Wasser gekommen sein. Wie auch, wo Wasser hier die größte Kostbarkeit darstellt! "Tubu" bedeutet "Felsenmenschen", sie sind die Bewohner des Tibestigebirges und diese Menschen leben in einem harten Existenzkampf, der sie zur größtmöglichen Anpassung an ihre so unwirtliche Umgebung zwingt. Die spärlichen Regenfälle der letzten 30 Jahre zwingen sie, ihre Weideplätze immer weiter südlicher zu suchen.

Unser Lagerplatz im Wadi Yudi liegt inmitten von stark zerklüftetem, rotem Gestein, im Unterschied zum Wadi Thon ist der Sand hier aber nicht rot gefärbt. Während meiner Abendwanderung treffe ich auf einen Natursteinbogen, eine Höhle mit vielen Tierspuren und ich sehe zahllose Reibsteine auf dem dunkelroten Felsuntergrund. Der Himmel war heute bewölkt und die Wolken bilden eine grandiose Kulisse über den Felstürmen, zwischen denen die untergehende Sonne ihr schwaches Licht wirft. Diese in jeder Hinsicht außergewöhnliche Landschaft entfaltet ihren Zauber durch die geniale Mischung von nur wenigen Komponenten: Sand, Felsen, Himmel und Licht in einer perfekten Harmonie. Gibt es dieses andere Leben wirklich, dieses Leben in Europa mit dem Jagen nach Geld, Erfolg und Konsum? Dieses Leben, in dem es nie Zeit gibt und in dem man so viele Dinge braucht, um glücklich zu werden, aber nie glücklich ist? Hier an diesem Ort aber weiß man, dass man sehr wenig braucht, um glücklich zu sein, aber im gleichen Augenblick weiß man auch, dass man diese Gewissheit verlieren wird, sobald man in sein gewohntes Leben zurückgekehrt ist...

Langsam geht unsere Fahrt nach Norden, wir lassen Auri Drussu hinter uns und entdecken eine traumhafte Schlucht, deren Namen Kilimidi ist. Viele Tierspuren führen in die Schlucht hinein, vielleicht gibt es dort eine Wasserstelle und wir machen uns auf, diese zu entdecken. Senkrecht ragen die Felswände empor, 50 bis 60 Meter hoch, wir marschieren in ihrem wohltuenden Schatten einige Kilometer. Das Tal wird immer enger und plötzlich ist es durch riesige Felstrümmer verlegt, einige Zeit klettern wir über die Gesteinsbrocken, dann resignieren wir und kehren um. Sollte es hier Wasser geben, so war es nicht für uns bestimmt.

Weiter geht die Fahrt zu einer Stelle im Wadi Lori, wo Ibrahim ein Fass mit Diesel versteckt hatte. Unsere Tanks werden gefüllt, sie müssen nun reichen, bis wir wieder die Zivilisation erreichen werden. Inmitten von Tausenden von Felsknollen, die aus dem Sand zu wachsen scheinen, errichten wir das Nachtlager und die Natur liefert ein grandioses Schauspiel, als die letzten Strahlen der Sonne die Felsen um uns zunächst in Goldgelb, dann in glühendes Rot und schließlich in Violett taucht. Ibrahim hat uns sicher geführt, wir waren uns bewusst, dass es hier verminte Gebiete gibt, aber ein guter Führer kennt diese Stellen. Morgen früh wird er mit seiner Schrottkiste aufbrechen, zurück nach Rebiana, allein durch menschenleeres Gebiet. Das kann sich wohl nur ein Mensch zutrauen, der in der Wüste geboren wurde und sich auch dann noch zu helfen weiß, wenn jeder Europäer dem sicheren Tod preisgegeben wäre.

Wir aber überqueren den Pass über den Dschebel Nuquay, vorbei am Amazonitenberg, den schon die alten Garamanten kannten, um dann weiter in das Massiv des Dschebel Eghei gelangen. Nun sind Helmut und sein GPS-Gerät unsere Führer. Über basaltbedeckte Hügel geht es dahin, hart an der Kante eines Canyon geht die Fahrt und nun können unsere Autos wirklich zeigen, was sie alles können. Haarscharf geht es am Abgrund vorbei, in der Ferne stehen in blaues Licht getaucht mehrere Vulkankegel. Wir überqueren ein Hochplateau mit einzeln stehenden, verdorrten Akazien. Es folgt ein unendlicher Serir - die Ausläufer des Serir Tibesti - und dann tauchen Dünen auf, mit schwarzen Steinen bedeckt. Eine Landschaft, so ganz anders als im Tibesti und doch unwirklich und außergewöhnlich. Schließlich erfolgt fast unmerklich der Übergang in lavabedeckte Hügel und inmitten des Vulkangebietes des Dschebel Eghei schlagen wir in einer tiefschwarzen Landschaft unser Lager auf.

Das unglaublich schöne Gebiet der Vulkane des Dschebel Eghei hinter uns lassend, führt uns der Weg weiter nach Norden an den Trümmern einer 1983 abgestürzten Militärmaschine vorbei. Über Kilometer liegen die Teile der MIG verstreut, der Pilot konnte sich damals mittels Schleudersitz retten und wurde beim Brunnen Hosenofou aufgefunden. Die Maschine flog ohne Steuerung noch einige hundert Kilometer weit, um hier schließlich in Tausende Teile zu zerschellen.

Das Gebiet des Dschebel Maruf ist unser nächstes Etappenziel, pastellfarben präsentiert sich die Landschaft. Weiß-gelblich ist der Sand gefärbt, hie und da aber auch grün, dann rotbraun. Gewaltige Staubfontänen ziehen unsere Autos hinter sich her. Kalkablagerungen finden sich am Boden, der stellenweise übersät ist mit Muscheln. Hier war einst eines der großen Binnenmeere Afrikas. Immer wieder gibt es Weichsandfelder und dann passiert es: alle drei Autos stecken im Sand fest. Reifendruck noch weiter reduzieren, anschieben, die Sandbleche können am Dach verzurrt bleiben, Helmuts Auto ist wieder befreit und mittels der Seilwinde sind es bald auch die anderen beiden. Weiter geht‘s! Lange suchen wir vergebens nach der Abfahrt von einer Hochebene, auf einem steinigen Schräghang schlitzt ein Fels den rechten Hinterreifen des Toyotas auf, das Auto wird gegen die Felswand gedrückt und sitzt ihr auf. Die Bergung auf dem steilen Schräghang ist langwierig und schwierig und darüber vergeht der ganze Nachmittag.

Am nächsten Morgen dann fahren wir weiter Richtung Nordwesten durch den Serir. Das Bergmassiv des Dor-El-Gussa erscheint in der Ferne, schließlich tauchen die ersten Berge der Harush-al-Aswad auf. Zeugenberge stehen in großer Zahl da, die Wolken am Himmel bereichern das Panorama, indem sie schwarze Schattenlinien auf die Landschaft werfen. Wir erreichen ein traumhaft schönes Wadi mit sattgrünen, großen Akazienbäumen. Versteinerte Muscheln, Seeigel und Schnecken sind das Abschiedsgeschenk der Sahara an uns. Nochmals durchfahren wir große Serirflächen, Al Fogaha umfahren wir westlich und dann stehen wir plötzlich auf der Asphaltstraße. Ein letztes Mal wird der Reifendruck wieder erhöht. Unsere Wasser- und Dieselvorräte haben gerade noch gereicht, aber es ist zu spät, um heute noch Hun zu erreichen. 170 km trennen uns noch von dort und so müssen wir - ziemlich unromantisch - neben den Hochspannungsleitungen und der Asphaltstraße unser Nachtlager aufschlagen. Nichts ist es geworden mit der erhofften Übernachtung in den Dünen von Wadan, keine Dusche gibt es heute Abend und kein eisgekühltes Cola, auf das wir uns schon seit Tagen gefreut hatten, als Ausgleich erhalten wir Besuch von einer kleinen Kamelherde, die sich eine Weile bei uns aufhält und die sich bereitwillig für Porträtaufnahmen zur Verfügung stellt. Morgen wird uns die Zivilisation wieder eingeholt haben. Obwohl wir noch mehr als drei Tage Fahrt bis Tunis vor uns haben, ist unsere Wüstenreise hier zu Ende. Tibesti ist Erinnerung – aber diese Landschaften waren so überwältigend schön und eindrucksvoll, dass uns die Erinnerung daran lebenslang begleiten wird.